Die Presse

Isabella Wallnöfer, 28.01.2005

Ein Mixer und ein Gockel am Altar der Naivität

Frans Poelstra und Robert Steijn zelebrieren im Kasino am Schwarzenbergplatz ihren schamlosen, kindlich-naiven Humor.Da haben sich die zwei Richtigen gefunden. Frans Poelstra, der Performer. Robert Steijn, sein Dramaturg, der den Blick von außen beisteuert, damit Poelstra nicht den Selbstzweifeln erliegt, die an seinem Künstler-Ego nagen. Gemeinsam sind den beiden Holländern die absurden Gedanken, die sie aus ihren Köpfen isolieren und zum Gaudium des Publikums über die Bühne jagen können. Gemein ist ihnen auch der kindliche Humor und der eiserne Wille, nichts unausgesprochen und nichts ungezeigt zu lassen. Und so begrüßt Poelstra in der Performance "FransPoelstra, his dramaturg and Bach", einem ImPuls-Tanz-Special im Kasino am Schwarzenbergplatz, das Publikum gleich nackt. Stellt seinen Körper bloß und zur Schau – was zunächst manchem die Verlegenheitsröte in die Wangen treibt, die rasch verfliegt, wenn man sich erst einmal an das eigenartige Spektakel ohne Scham und gültige Regeln gewöhnt hat. "Hello, Vienna", grüßt Poelstra neckisch und lässt im Takt baumeln, was da baumelt, dann hüpfter verspielt weiter. Später zwängt er sich in die Hülle seiner E-Gitarre, bedeckt den kahlen Kopf mit einer rotgelockten Faschings-Perücke oder stolziert mit einem bunt beflaggten Sonnenschirm-Gerippe als Schwanz wie ein gerupfter Gockel über die Bühne. Naive Kunst mit Tiefgang. Poelstra hinterfragt alles – im Gespräch mit der "Presse" nennt er das "Philosophie für Anfänger". An diesem Abend wird das Theater seziert. Ob sich ältere Tänzer noch zur Schau stellen sollten? Ob sie dank ihrer Erfahrung keiner Regeln und Selbstzensuren mehr bedürfen? Ob wohl wirklich so viel geredet werden sollte? Steijn: "Warum muss eigentlich heute im Theater so viel erklärt werden?" Ob man wirklich derart an sich zweifeln sollte? Steijn: "Gott hat die Welt in sechs Tagen erschaffen. Bach die Goldberg Variationen in elf. Poelstra ist noch immer nicht fertig." Ob Objekte auf der Bühne gleichberechtigt sein sollten – und ob man nur mit einem Partner tanzen kann, wenn man ihn liebt?(Poelstra mag dem nach keine Mixer, aber einen grünen, geflickten Plastikschlauch, den hat er gern.) Ob das wirklich Kunst ist? Poelstra: "Ich weiß auch nicht."  Gleich wie der Zweifel klebt der trockene Humor an dem spät Berufenen. Ironie auch bei Robert Steijn: "Wir haben Schwierigkeiten, weil Bachs Musik so harmonisch ist und wir ähnlich sein wollen wie die Musik."Natürlich stehen Poelstra und Steijn, die dem Komponisten auf einem kleinen Altar Räucherstäbchen und Blumen opfern, im krassen Gegensatz zu Johann Sebastian Bachs "Goldberg Variationen". Schon ihre körperliche Anmutung, aber auch das absurde Geschehen lassen sich mit dem leisen Plätschern aus dem Lautsprecher nicht in Einklang bringen. Steijn: "Das ist unsere Art: Wir wollen das Publikum berühren, es verwirren, ihm alle Sicherheit nehmen- und Spaß machen." Das gelingt vorzüglich.